Nach einem Fußballspiel am 28.02.2016 trieb ein vermummter CFC-Fan einen syrischen Flüchtling durch die Regionalbahn zwischen Zwickau und Chemnitz. Lisa Müller*, eine 24-jährige Studentin aus Sachsen, stellte sich ihm als einzige in den Weg und bewahrte den Flüchtling dadurch vor schweren Verletzungen.

 

Lisa, du hast etwas sehr erstaunliches gemacht und dich alleine einem stämmigen Schläger entgegen gestellt. Wunderst du dich im Nachhinein selbst über deine Tapferkeit?

Ich habe bemerkt, dass ein junger Mann in Not geraten war und tätlich angegriffen wurde. In diesem Moment habe ich sofort eingegriffen, um dem jungen Mann zu helfen und weiteres Unrecht zu Verhindern. Das hat für mich nichts mit Tapferkeit zu tun, sondern mit sozial verantwortlichen Handeln und der Überwindung des Desinteresses an unseren Mitmenschen. 

 

Wie kam es eigentlich zu der Situation?

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Sie schritt ein, als andere zögerten

Ich habe im Zug gesessen und Musik gehört. Täter und Opfer kamen von hinten, sodass ich nicht gleich mitbekam, was eigentlich vorging. Erst als die beiden dann in mein Sichtfeld traten, konnte ich sie wahrnehmen und sah das ein junger Mann angegriffen wurde. Daraufhin stand ich augenblicklich auf, schritt ein und rief: „Lass ihn in Ruhe!“

 

Und das hat schon gereicht?

Ich hatte das Überraschungsmoment auf meiner Seite gehabt, so dass der Täter den jungen Mann losgelassen hatte. Leider raubte der Täter dem Opfer seinen Rucksack und rannte aus dem haltenden Zug heraus.

 

Was geschah darauf?

Ich bin sofort dem Täter hinterher gelaufen. Dabei habe ich auf dem Weg zur Tür die Sicherheitsleute von der DB angetroffen und ihnen kurz geschildert, was soeben passiert war. Da sich noch mehr aggressive Männer auf der unteren Ebene des Zuges aufgehalten hatten, waren die Sicherheitsleute von der DB deutlich gegenüber der gewaltbereiten Gruppe in der Unterzahl und zudem überfordert, so dass diese den Täter nicht aufhalten konnten. In Zwickau begleitete ich den jungen Mann und sein ebenfalls angegriffenen Freund zur Polizeistation, wo sie Anzeige erstatteten.

 

Hast du für deine Courage Anerkennung erhalten?

Beide waren sehr dankbar über meine Hilfe, was für mich sehr viel bedeutet. Zudem hat die Bundespolizei mir ihren Dank für das Einschreiten im Zug ausgesprochen und ich habe viel positives Feedback erhalten. Ich hoffe, dass mehr Menschen bei Gewalttaten einschreiten und mehr auf ihre Umgebung und Mitmenschen achtgeben.

 

Du möchtest lieber anonym bleiben. Warum?

Aus Selbstschutz und weil ich verhindern möchte, dass ich dadurch Verwandte und Freunde in Gefahr bringen könnte.

 

Sachsen ist diesbezüglich ja besonders „auffällig.“ Woran liegt das deiner Meinung nach?

Viele Menschen hier haben einfach viel zu wenig Kontakt zu fremden Menschen und Kulturen. Einen richtigen Vergleich zwischen populären Ansichten und realen Personen können sie so nicht machen und verlassen sich deshalb auf ihre Vorurteile.

 

Im Namen der Redaktion danke ich dir sehr für das Interview und für deine Zivilcourage. Außerdem wünschen wir dir natürlich viel Erfolg auf deinem weiteren Weg!

 

*Name von Redaktion geändert 

Pressemitteilung zum Vorfall: http://www.freiepresse.de/LOKALES/CHEMNITZ/Studentin-rettet-Syrer-vor-rassistischen-Schlaegern-artikel9448997.php#

zur Anklage: http://www.freiepresse.de/NACHRICHTEN/SACHSEN/Anklage-gegen-rassistischen-Schlaeger-artikel9626548.php

(Konstantin Müller)