Bears N Hats

Fuckup Night im Weltecho begleitet von den Newcomern ‚Bears N Hats‘

Scheitern ist nun offiziell auch in Chemnitz hip, denn seit letztem Mittwoch gibt’s die ‚Fuckup Nights‘ hier im Weltecho. Fehler zelebrieren und daraus lernen, darum ging’s im Kern bei dieser unternehmerischen Nabelschau, auf der gescheiterte (und wieder auferstandene) Existenzgründer vom professionellen Ablosen berichteten. Das eigentliche Highlight gab’s aber zwischen den „Speakers“ – die Chemnitzer Band ‚Bears N Hats‘ hat nämlich so einige Schwächen der ‚Fuck Up Night‘ einfach weggerockt. Die Formation ist ein Wucht und ihr seid an dieser Stelle vorgewarnt sie euch unbedingt zu merken, denn andernfalls werdet ihr es sicherlich bedauern.

 

Scheitern durch die Bank weg

Die geheime Sehnsucht nach dem erfolgreichen Scheitern scheint in Chemnitz ungeahnt ausgeprägt zu sein. Das Weltecho jedenfalls war proppenvoll mit einem ziemlich bunten Klientel. Neben dem obligatorischen Studentenvolk saßen nämlich auch einige ältere Semester mit ihren Zöglingen in den Reihen. Vielleicht damit diese endlich mal das Risiko eingehen, das sie selbst nicht wagen wollten als sie noch jung waren oder damit sie lernen wie „fucked up“ man eigentlich sein muss, um „erfolgreich“ zu sein. Daneben gab’s aber auch andere nicht-Studenten, die vielleicht gerade selbst ihr Scheitern verarbeiteten oder davon träumten.

 

Fruchtzwerge an der Bushaltestelle

Der erste Redner war der „Frühstückszwerg“ Marcel Pölzel, der vorallem bewies, dass man nicht besonders – naja – „smart“ sein muss, um Kohle zu scheffeln, sondern Duchhaltevermögen sowie der Wille zur Selbsterniedrigung auch reichen können. Seine Business-Idee bestand darin, Tüten mit Sandwiches an Dresdener Bushaltestellen zu verkaufen – 4 Jahre lang, bekleidet mit einer Zipfelmütze. Schützenhilfe vom Springer Verlag und RTL II war in seinem Fall der entscheidende Faktor, der vielleicht noch Einzug in die BWL-Lehrbücher finden wird. Dadurch konnte er ein Franchise gründen, das in Folge zu einem der erfolgreichsten Frühstücks-Caterer Deutschlands geboostet wurde, anscheinend nur Dank USP (wer das nicht kennt, liest das hier ja sowieso nicht, oder*) und einer florierenden Ökonomie der Selbsterniedrigung.

Schief gelaufen ist das Ganze dann, weil niemand Marcel gesagt hatte, dass man für ein Unternehmen eine Buchhaltung benötigt und hin und wieder Steuern zahlen sollte (und natürlich wegen Frauen). Aber zu diesem Moment war Marcels Business bereits „too big to fail“, weshalb Väterchen Staat mal die Augen zugedrückt hat und ihm noch eine Chance gab. Wie genau das über die Bühne gelaufen ist, wäre nochmal interessant gewesen. Genauso wie die von ihm im Nebensatz erwähnte Geschichte über Freiberger Nazis… Das hätte aber wahrscheinlich die 10 Minuten Vortragsdauer gesprengt.

 

Ein Bestatter, oder wie oder was?

Der zweite Speaker hat an diesem Abend wohl live gezeigt wie man einen handfesten Fuckup hinlegt. Wer es schafft sein Genuschel nochmal in ein zusammenhängendes Narrativ mit Hochs und Tiefs zu stecken, dem ist die Stelle bei der tuchfühlung sicher. Aber wenigstens war das Chemnitzer Publikum sehr anständig, hat brav geklatscht und keine Häme gezeigt – das kann man an dieser Stelle auch mal lobend erwähnen. Und damit der peinliche Moment schnell verfliegt, gab’s auch schnell noch etwas von Bears N Hats zu hören – alles wieder gut.

 

Beamter auf Ritalin

Der Dritte Redner Tim Brettschneider ist sowas wie ein gefallener Engel. Zuerst hat er schön brav gemacht, was Papi und Mami wollten und hatte bereits eine gemütlich Stelle in der öffentlichen Verwaltung inne. Soweit so langweilig dachte er sich und hat zunächst ein Ritalin-Ersatz im Internet vertickt und später mit Freunden ein nicht so smartes Start-up gegründet, worin es irgendwie um Rückzahlungen von Versicherungsbeiträgen ging. Im Endeffekt war das Ganze aber nichts anderes als ein digitales Schneeballsystem, das natürlich zusammenkrachte als die Kunden mal wirklich Geld sehen wollten. Die Freunde waren dann ganz schnell auch keine Freunde mehr und da er ja jetzt schonmal sowas wie ein CEO gewesen war, war er sich auch zu fein die Jobs von der Arbeitsagentur anzunehmen. Über eine andere semi-saatliche Agentur in Jena ist er dann aber wieder an Geld gekommen und betreibt jetzt erfolgreich eine Online-Marketing Agentur.

 

Too Germany to fail

Insgesamt bleibt der Eindruck, dass man es sich irgendwie drastischer vorgestellt hat, unternehmerisch zu scheitern. Es gab jedenfalls unter den drei (effektiv zwei) Rednern nicht den großen Totalschaden, also dass z.B. jemand auf der Straße gelandet ist, Freunde und Familie verloren hat oder im Drogensumpf versunken ist (vielleicht haben wir aber auch zuviele Hollywoodfilme geguckt). Im Gegensatz bleibt der Eindruck, dass Vater Staat sich schon irgendwie um dich kümmern wird, egal wie dämlich du dich auch anstellen magst. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass bei den Fuck Up Nights nunmal nicht die „richtgen“ Loser gezeigt werden, nämlich die die nicht wieder auf die Beine gekommen sind – aber wer will das schon sehen, nicht war?

 

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*OK, wir verratens doch: USP bedeutet „Unique Selling Proposition“, also so viel wie „Alleinstellungsmerkmal“

 

(Konstantin Müller)