Die TU Chemnitz hat nun, nach fast einem Jahr, endlich einen neuen Rektor – und zwar einen, der in unserer kleinen Schnarch-Uni durchaus einiges umkrempeln könnte. Der Politikwissenschaftler Prof. Gerd Strohmeier will sein neues Amt nämlich nicht nur durchverwalten und darauf warten, dass das sächsische Kultusministerium ein paar Brotkrümel für die TU Chemnitz übrig lässt, sondern aktiv politisch in Dresden mitmischen.

 

Oh, ein neuer Rektor, wie (un)interessant…

Für viele stellt sich nun erst einmal die Frage, wozu der Rektor einer Uni eigentlich gut ist. Ist das nicht sowieso nur ein Verwaltungsposten, der seine Anweisungen von oben bekommt und einfach zusehen muss, dass „der Laden läuft“? Erstaunlicherweise stand genau diese Frage bei der aktuellen Rektorenwahl im Mittelpunkt, allerdings weniger durch Herrn Prof. Schubert als durch Herrn Strohmeier. Besonders deutlich ist das vorgestern (14.06.) nochmal beim öffentlichen Wahlhearing geworden, bei dem der kompetente, aber eben auch recht blasse Schubert am Ende selbst ziemlich beeindruckt wirkte vom eloquenten Redner Strohmeier. Im Hearing konnten sich die beiden einzigen Kandidaten für das Amt nochmal der Öffentlichkeit präsentieren und anschließend gab es eine ausgiebige Fragerunde.

 

Böses Dresden

Prof. Strohmeier hat in seiner Rede immer wieder klar gestellt, dass man sich an der TU zu lange vom sächsischen Kultusministerium hat gängeln lassen. Ein treffendes Beispiel lieferte in der Diskussion sein „Konkurrent“* Schubert, der erwähnte, dass z.B. die Lehrerausbildung an der TU zwar vom Kultusministerium eingefordert wurde, aber dieses für weitere Finanzierungen nun nicht mehr aufkommen will. Verständlicherweise hat man an der TU jetzt also das Gefühl ein faules Ei ins Nest gelegt bekommen zu haben, denn die Finanzierung der Lehrer würde dadurch natürlich an der Uni allein hängen bleiben. Auch in diversen Entscheidungsgremien (von denen der Otto Normalstudent niemals etwas hören wird) sei die TU nicht vertreten gewesen, was Herr Strohmeier indirekt auf das politische Unwissen an der TU geschoben hat (um daraufhin natürlich umso mehr als Politikprofi zu glänzen…).

 

Ein kantiges Profil

Beim Hearing wiederholte Strohmeier betont oft die Phrase „Kante zeigen“ – vor allem wenn es um das Kultusministerium ging. Hierin scheint für ihn der Kern für eine angestrebte „Profilierung“ und Charakterbildung der TU zu liegen, quasi im Sinne einer Emanzipationsbewegung. Will Prof. Strohmeier also die TU in die Schlacht gegen die fiesen Dresdner Zentralbürokraten führen? Man sollte natürlich auf dem Teppich bleiben, aber Herr Strohmeiers akademische Vita lässt vermuten, dass er sich dieses emotionalen Potentials bewusst ist.

 

Vermarktung und Kommunikation

Auch in anderen Bereichen schien Prof. Strohmeier deutlich klarere Vorstellungen von der Zukunft der TU zu haben als Prof. Schubert, der zum Ende des Hearings von vielen Fragenden anscheinend nur noch aus Höflichkeit miteinbezogen wurde. So möchte Prof. Strohmeier der TU ein „Markengefühl“ verleihen und dafür z.B. ein Verbunds-Exzellenzcluster anstreben sowie ein „Medienregister“ für die internationale Sichtbarkeit erstellen. Das Problem der mangelnden Kommunikation innerhalb der TU will er durch mehrere institutionalisierte „Gesprächsrunden“ und verordnete Transparenz lösen. Wie all diese Pläne letztendlich mit dem gleichzeitig propagierten „Bürokratieabbau“ einhergehen sollen blieb dabei freilich etwas auf der Strecke, aber der Begriff „kaputtsparen“ trifft auf Sachsen ja leider sowieso zu, wie auf kaum ein anderes Bundesland.

 

Make TUC Great Again?

Wenn Prof. Strohmeier sein Amt mehr als zuvor als ein politisches Amt sieht, dann muss er sich auch gefallen lassen, selbst mehr als Politiker gesehen zu werden. Vielleicht ist das ja sogar seine Intention und er hegt insgeheim Ambitionen sein theoretisches Politikwissen endlich mal auf der großen Bühne in die Realität umzusetzen? Doch zum Politikerdasein gehört eben auch, dass sie in der Regel mehr versprechen als sie halten können. Herr Strohmeier erweckt sehr hohe Erwartungen und dementsprechend sollte ein kühler Kopf bewahrt werden. Letztendlich kommt es auch darauf an, wie er bei den alten Unihasen und vor allem bei den Studierenden angenommen wird. Mit seinem politischen Know-How und rhetorischem Geschick scheint er aber mehr als fähig dazu zu sein, die TU Chemnitz ein Stück weit in Richtung eines selbstbewussten Colleges nach britischer Art zu bewegen und dafür kann man vielleicht auch ein gebrochenes Versprechen hinnehmen.

 

*Tatsächlich scheinen sich die beiden aber so gut zu verstehen, dass ein Fragesteller sogar eine Art „Doppelspitze“ mit den beiden anregte, mit einem von beiden als Prorektor, je nach Wahlergebnis.

Zum Prozedere: https://www.tu-chemnitz.de/uk/pressestelle/aktuell/1/7412

(Konstantin Müller)