Das Jahr 1989 steht sicherlich wie kaum ein anderes für eine Zeitenwende, den Sieg des Kapitalismus über einen missratenen Sozialismus, für einige sogar für „das Ende der Geschichte“*. Was passiert nun, wenn ein versoffener Nonkomformist seine Erlebnisse dazu aufschreibt? Mikis Wesensbitter (was für ein Name!) hat das in Form von unaufgeregten Tagebucheinträgen getan und diese Erzählstruktur macht einen Großteil der Wirkung des Buches aus, denn nichts wird spektakularisiert, der Ball immer Flach gehalten.

Das ist umso erstaunlicher, wenn man liest, was Mikis so passiert. Massenschlägereien mit Hooligans, Schmugglertätigkeit im Porno- und im Metallbusiness oder auch Entführung und Verhör durch die Stasi werden von ihm mit einer prosaischen Trockenheit geschildert, dass man sein Urteilsvermögen in Zweifel ziehen möchte.

Ständig und überall, in der Stadt sowie auf seinen Geschäftsreisen durch die Provinz trifft Mikis außerdem auf Neonazis, von denen verprügelt zu werden schon irgendwie zum Alltag zu gehören scheint. Doch auch an diesen Stellen keine Spur von Aufregung, diese Nazis sind oder waren für Mikis anscheinend schon immer da und gehören irgendwie zum Dreckssystem dazu. Dass das Rechtsextremismusproblem in den neuen Bundesländern also erst eine Folge des wirtschaftlichen Verfalls nach der Wiedervereinigung sei, stellt sich dadurch nebenbei als oberflächliche These heraus.

Obwohl also nichts dramatisiert wird, lässt man sich trotzdem von Mikis abgefucktem Lebensstil mitreißen. Man begleitet ihn auf miserable Punkkonzerte, ausgedehnte Sauftouren und durch die Betten scharfer Zonengirls – und irgendwie wird einem das Leben in der DDR dadurch seltsam sympathisch.

Ist das Relativierung? Wird hier ein Unrechtsstaat, eine autokratische Scheindemokratie quasi weichgespült durch das Argument: „Aber wir hatten da einen Mordsspaß!“ – ?

Nun, eine reflektiert kritische Auseinandersetzung mit dem System und eine formulierte Idee für das „Danach“ findet man bei Mikis tatsächlich vergebens. Selbst als er irgendwann nur am Rande von den ersten Demonstrationen und dem „Neuen Forum“ hört, kommt für ihn eine aktive Beteiligung nicht in Frage. Mikis will einfach weiter sein Ding machen und beschränkt seine politische Aktivität auf das (sehr komische) Verfassen von gefaketen Beschwerdebriefen und dem Schikanieren seiner Stasispitzel. Ein Systemfreund ist er also eindeutig auch nicht.

Aber muss eine Geschichte aus der DDR immer politisch sein? Gerade Berichte und Romane über untergegangene Diktaturen wie die DDR kranken häufig an dem „Ich-war-von-Anfang-an-dabei-Syndrom“, also das irgendwie alle behaupten, sie haben das System immer schon mit bekämpft. Da es in der Geschichte irgendwie nur Gewinner und Verlierer geben kann setzen sich zwangsläufig diese Erzählungen durch, die das System und seine Abscheulichkeit entlarven und damit das Geschehen (die Revolution) legitimieren. Doch wer hat damals schon gewonnen? Honecker sicherlich nicht… aber die Initiatoren der ersten Demos, die sich einen Sozialismus mit menschlichen Antlitz wünschten und dann zusehen mussten, wie die marode DDR durch die Kollision mit dem Nach-Wende-Kapitalismus gänzlich ausgeknocked wurde, doch anscheinend auch nicht.

Mikis steht abseits dieser politischen Großwetterlage und beweist, dass man unangepasst sein kann ohne sich einem Lagerpathos anschließen zu müssen. Er ist jung und will eindeutig sein Leben so gut es geht genießen, dabei bewahrt er aber stets Rückgrat und lässt sich vom System keinesfalls einpassen.

„Wir hatten ja nischt im Osten … nich‘ ma Spaß!“ ist eine lebensnahe Momentaufnahme aus einer gänzlich unangepassten und unverbrauchten Perspektive. Zwischen der Beschreibung des ganz normalen Wahnsinns in der DDR und einem abgefahrenen Lebensstil bekommt man einen ungefähren Eindruck davon, was es bedeutet hat sich in der DDR durchs Leben zu husteln. Ein lesenswertes Buch, das unerwartete Aspekte in ein graues Geschichtsbild bringt.

*Francis Fukuyama

(Konstantin Müller)
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„Wir hatten ja nüscht im Osten…
nich‘ ma Spaß!“
Mikis Wesensbitter
Periplaneta Verlag 2015
14,50€